Selbsterkenntnis

Wenn Sie glauben, daß Selbsterkenntnis wichtig sei, weil ich oder ein anderer Sie auf ihre Bedeutung hingewiesen haben, dann, fürchte ich, hört jede Verständigung zwischen uns auf. Aber wenn wir darin übereinstimmen, daß es wesentlich ist, uns selbst vollkommen zu verstehen, dann haben wir eine ganz andere Beziehung zueinander, dann können wir zusammen in einer beglückenden, sorgfältigen und verständnisvollen Weise Untersuchungen anstellen.
Ich verlange nicht, daß Sie mir Glauben schenken. Ich mache mich nicht zur Autorität. Ich habe Sie nichts zu lehren - keine neue Philosophie, kein neues System, keinen neuen Pfad zur Realität. Es gibt keinen Pfad zur Realität, ebensowenig wie zur Wahrheit. Jede Autorität, ganz gleich welcher Art, besonders auf dem Gebiete des Denkens und der Verständigung, ist verderblich und von Übel. Führer zerstören ihre Anhänger, und diese zerstören die Führer. Sie müssen Ihr eigener Lehrer und Ihr eigener Schüler sein. Sie müssen alles in Frage stellen, was der Mensch für wertvoll, für  notwendig gehalten hat....
Wenn wir uns selbst erforschen, sondern wir uns nicht von der übrigen Welt ab. Es ist kein ungesunder Prozeß. Der Mensch ist überall in der Welt durch die gleichen alltäglichen Probleme gefesselt wie wir selbst es sind. Wenn wir uns daher selbst erforschen, sind wir nicht im geringsten neurotisch, weil es keinen Unterschied zwischen dem einzelnen und dem Kollektiv gibt. Das ist eine gegebene Tatsche. Ich habe aus der Welt das gemacht, was ich selber bin. So wollen wir und denn nicht in diesem Kampf zwischen einem Teil und dem Ganzen verzetteln...
Im psychologischen Berich hingegen lernen Sie sich selbst immer nur in der Gegenwart kennen, während das Wissen immer der Vergangenheit angehört; und da die meisten Menschen in der Vergangenheit leben und mit der Vergangenheit zufrieden sind, wird das Wissen außerordentlich wichtig für sie. Darum verehren wir die Gelehrten, die Gescheiten, die Klugen. Aber wenn Sie jederzeit lernen, in jeder Minute lernen - wenn SIe lernen, während Sie beobachten und lauschen, während Sie sehen und handeln -, dann werden Sie finden, daß das Lernen eine ständige Bewegung ohne Vergangenheit ist.

Krishnamurti in 'Einbruch in die Freiheit'

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